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Sachsenheim, 10. Januar 2018

Futterstelle als Naturkino

NABU-Experte aus Sachsenheim über Winterfütterung und ornithologische Beobachtungen

Christoph Kaup beim Auffüllen seines Futtersilos für Vögel. Diese Art der Futterquelle sorgt dafür, dass das Futter trocken und sauber bleibt. Freigeben wird immer nur die jeweils benötigte Menge - und es können mehrere Gäste gleichzeitig speisen.

Wer Vögeln eine artgerechte Futterstelle anbietet, kann von der eigenen Wohnung aus ornithologische Studien betreiben. Ein NABU-Experte berichtet.

"In den letzten Jahren haben viele Naturfreunde besorgt registriert, dass die Vogelbesucher an ihren Winterfütterungen ausgeblieben sind. Besonders im Winter 2016/2017 beunruhigte der starke Rückgang auch der sonst so zahlreichen Meisen," sagt Christoph Kaup, seit 30 Jahren Mitglied im NABU und seit vielen Jahren 2. Vorsitzender der NABU-Ortsgruppe Sachsenheim. "Die bundesweiten Zählungen des NABU zur ,Stunde der Wintervögel' im Januar 2017 und zur ,Stunde der Gartenvögel' im Mai 2017 bestätigten den Trend" weiß der Hohenhaslacher, der neben seinem Engagement beim NABU auch ehrenamtlicher Naturschutzwart des Landkreises und Naturführer beim Naturpark Stromberg Heuchelberg ist. "Die NABU-Experten haben gerätselt, ob der Rückgang dauerhaft ist oder auf besondere Umstände zurückgeht. Zum Glück deuten die bisherigen Ergebnisse der diesjährigen ,Stunde der Wintervögel'" vom 5. bis 7. Januar daraufhin, dass wieder mehr Vögel beobachtet worden sind. So haben etwa die Meisen den letztjährigen Einbruch wettgemacht."

Die Naturexperten erklären sich die Entwicklung damit, dass 2016 ein sogenanntes Mastjahr war mit Mengen von Bucheckern, Eicheln, Fichtenzapfen und anderen Waldfrüchten. Auch die Jahre davor seien Mastjahre gewesen.

Kaup: "Im Winter 2016/2017 profitierten die Vögel davon und sahen keinen Grund ihre Futtergründe zu verlassen und die Hausgärten aufzusuchen. Auch aus den nördlichen Ländern kamen weniger Zugvögel zu uns. Im Jahr 2017 waren die Mastjahre beendet und die Vögel finden derzeit viel weniger Waldfrüchte, auch das Fallobst ist vielfach dem Frühjahrsfrost zum Opfer gefallen. So suchen die Vögel vermehrt die Futterstellen der Menschen auf."

Hinzu käme, dass die letztjährige Brutsaison für viele Vögel wie die Meisen erfolgreich ausgefallen ist. "So wurden auch die im Kirbachtal seltenen Haubenmeisen an Futterstellen beobachtet. Ich selbst habe dieses Jahr zum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren Fütterung eine Haubenmeise an meinem Futtersilo in Hohenhaslach gesehen" freut sich Christoph Kaup.

Auch mehr Zugvögel aus dem Norden in den Südwesten eingeflogen und schon im Herbst habe sich der Zuzug von Kernbeißern bemerkbar gemacht. "Viele Vogelfreunde können derzeit diese wunderschönen Vögel an ihren Futterstellen beobachten", so der Hohenhaslacher Experte.

Allerdings ändere die diesjährige Entwicklung nichts daran, dass die Artenvielfalt in Deutschland seit Jahren teils dramatisch zurückgehe - sogar bei den "Allerwelts-Arten", die in erster Linie von der Winterfütterung profitieren. So sei bekanntermaßen die Zahl der Sperlinge im Laufe der letzten Jahrzehnte stark gesunken. Sperlinge wurden früher auf Bauernhöfen, aber auch in den zahlreichen Hühnerhaltungen bei Privathäusern - meist unfreiwillig - mitgefüttert. Aber: "Kleine private Hühnerhöfe gibt es fast gar nicht mehr, die Scheunen der Bauern sind oft hermetisch verschlossen, im Hof liegen weder Körner noch Mist, auf den Feldern bleibt kein Korn mehr liegen, das Heu verschwindet in verschlossenen Plastikballen", stellt Kaup fest. "Hier stellt die Winterfütterung der Vögel einen kleinen Ersatz da, zumindest für die Körner fressenden Vögel. Die Vögel, die Weichfutter brauchen, wie die Rotkehlchen, werden allerdings bei der Winterfütterung oft vergessen. Weiche Haferflocken und qualitativ gute Fettknödel können hier helfen", so sein Rat.

Es passe allerdings nicht zusammen, wenn Hausbesitzer zwar Futterstellen anbringen, aber ihren Garten schottern. "Durch die um sich greifende Unsitte der Schottergärten sind schon viele Nahrungsquellen verloren gegangen", meint der NABU-Experte aus Sachsenheim. Denn Vögel bräuchten nicht nur im Winter etwas zu essen. Echte Tierfreunde würden einheimische Sträucher und Blumen pflanzen - auch wegen der Insekten. Denn alle Vögel, auch die Körner fressenden, müssen ihre Jungen mit Insekten füttern, damit diese genug Eiweiß bekommen.

Wer Vögel im Winter füttere, könne richtige ornithologische Studien betreiben und interessante Verhaltensbeobachtungen machen, findet NABU-Experte Kaup. Zum Beispiel hinsichtlich der unterschiedlichen Charaktere unter den Vögeln einer Art. Seien diese Erkenntnisse früher als "vermenschlichende Interpretation" abgetan worden, so sei heute von der Wissenschaft bewiesen, dass sich die meisten Charakter-Einstellungen von Menschen auch bei tierischen Individuen finden. Manche Vogel-Individuen sind tolerant, manche dominant-aggressiv gegen andere Vögel. Jeder hat schon mal beobachtet, wie sich eine Amsel im Vogelhäuschen aufplustert und keinen anderen Vogel herein lässt, obwohl sie selbst satt ist.

Christoph Kaup: "Ich selbst habe dieses Jahr tagelang eine Blaumeise beobachtet, die in der Nähe des Futterhäuschens saß und völlig furchtlos größere Vögel wie Kohlmeisen und Grünfinken attackierte und erfolgreich vom Futterhäuschen vertrieb, ohne dann selbst zu fressen. Es war eine Gruppe von Blaumeisen anwesend, aber dieses Verhalten zeigte nur eine einzige Blaumeise."

Futterhäuschen-Besitzer können auch beobachten, dass Meisen und Amseln meist nur geringe Angst vor dem Menschen hätten und nur wenige Meter von der Futterstelle wegfliegen, wenn sie gestört werden, während Grünfinken meist weiter weg auf einen Baum fliegen, um zu beobachten und Kernbeißer ganz das Weite suchen. Einige Meisen und Amseln sind sogar besonders mutig und beäugen den Störenfried aus nächster Nähe.

Oft locken Futterstellen auch Sperber an, die in rasantem Flug zur Futterstelle jagen und blitzschnell einen Vogel fangen.

"Auch an meinen Futterstellen konnte ich schon mehrmals beobachten, wie ein Sperber plötzlich blitzschnell zwischen den Sträuchern heranjagte, sich eine Amsel schnappte und in Sekundenschnelle wieder mit ihr davon flog", so Kaup. Manche Vogelfreunde würden auf solche Aktionen empört reagieren und versuchen die Futterstelle gegen Sperber zu schützen. "Aber auch Sperber sind Wildvögel, deren Zahl drastisch zurück gegangen war und die sich seit einigen Jahren aufgrund der verbotenen Bejagung erholen", erklärt Kaup". "Auch sie müssen sich im Winter ernähren."

VON INGA STOLL




Christoph Kaup beim Auffüllen seines Futtersilos für Vögel. Diese Art der Futterquelle sorgt dafür, dass das Futter trocken und sauber bleibt. Freigeben wird immer nur die jeweils benötigte Menge - und es können mehrere Gäste gleichzeitig speisen.    Ein Grünfink lässt es sich am Futterautomat schmecken. Foto: NABU


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